Am Ende des Tages Blog

#03 – Mister Bordbistro

Über die Deutsche Bahn wird ja immer viel und gerne geschimpft. Als ich neulich in einem nostalgisch alten Intercity von Hamburg nach Köln rollte, fragte ich mich, warum eigentlich? Natürlich sorgt die Bahn regelmäßig für Aufreger, gerne auch mal völlig ohne Not und höhere Gewalt. Mit einer Portion Gelassenheit sieht die Welt aber meist ganz anders aus. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an jenem gut gelaunten Servicemann, der auf besagter Bahnfahrt seinen Dienst im Bordbistro tat.

Intercity Bordbistro Köln Dom
Menschliche Wärme im Intercity nach Köln (Foto: Mika Baumeister / Unsplash)

Schon auf früheren Bahnfahrten ist mir aufgefallen, dass die Zugbegleiter und Servicekräfte zunehmend lockerer und weniger hemdsärmelig wirken als früher. Vermutlich lässt sich der Job nur mit einer gesunden Portion Lässigkeit noch aushalten. Mir jedenfalls gefällt es. Ein vorbildlicher Vertreter dieser (vermeintlich) neuen Spezies ist Mr. Bordbistro, der mit seiner frischen Art das eher nüchterne Bordbistro zu einem Ort der Menschlichkeit machte.

Gute Laune im Bordbistro

Eigentlich wollten mein Kollege und ich nur schnell zwei weizenhaltige Kaltgetränke mitnehmen. Doch die lockere und sympathische Art von Mr. Bordbistro lud uns spontan zum Verweilen ein. So beobachteten wir von unserem Stehtisch aus ein Paradestück menschlichen Sozialverhaltens. Mit einem fröhlichen „Moin, was darf’s denn sein?“ begrüßte Mr. Bordbistro seine Kunden. Die Leute studierten die Karte, grübelten, bestellten. Manche waren dabei freundlich und kommunikativ, andere aber vollkommen wortkarg, kühl oder gar patzig.

Doch unser Held des Bistro-Tresens ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Kann ich denn noch was Gutes tun?“, fuhr er unbeirrt fort. Sein gesamtes Auftreten blieb dabei freundlich, offenherzig und einnehmend. Sehr zur Überraschung seiner eben noch missmutig dreinschauenden Kunden. Man konnte förmlich sehen, wie sie sich innerlich einen Ruck gaben. Abwesend wirkende Gesichter hellten sich auf. Blicke erhoben sich, die bislang stur auf die überschaubare Speisekarte gerichtet waren und erfassten erstmals das freundliche Gesicht hinter der Theke.

Aus Bahnkunden werden Menschen

Es wirkte fast, als seien sie erwacht. Erwacht aus der eigenen Routine, dem Grübeln, der kritischen Grundhaltung. Keine Sorge, ich werde Mr. Bordbistro jetzt nicht zum Heiland ausrufen. Allerdings hatte seine nordisch-sympathische Art tatsächlich etwas heilsames. Aus mitunter schlecht gelaunten Bahnkunden wurden Menschen. Menschen, die vielleicht einen miesen Tag hatten, die wie jeder von uns ihr Päckchen zu tragen haben und die ihren Unmut unter Umständen an den Unzulänglichkeiten der Deutschen Bahn ausgelassen hätten.

Bis sie die Bekanntschaft mit Mr. Bordbistro machten. Neben Kaffee, Bierchen und Erbsensuppe gab er seinen Kunden vor allem eines: Menschlichkeit. Die steht in keiner Bistrospeisekarte und in keinem Ausbildungshandbuch. Muss sie auch nicht, denn jeder von uns besitzt sie bereits. Es braucht nur hin und wieder jemanden, der uns daran erinnert. Jemanden wie Mr. Bordbistro, der seinen Kunden zum Abschied ein launiges „Lass‘ man schmecken!“ mit auf den Weg gab. Jo, schmeckt! So macht Bahnfahren doch Spaß.

Am Ende des Tages ist es vielleicht nicht ganz so entscheidend, wann wir ans Ziel kommen, sondern vielmehr wie!

1 Kommentar zu “#03 – Mister Bordbistro

  1. John Doe

    Das ist mal eine sehr erfrischende und interessante Sichtweise auf die Deutsche Bahn. Ich würde sogar noch weiter gehen: Die Deutsche Bahn sollte die Ticketpreise verdoppeln und ihre Fahrten als Abenteuer- bzw. Survial-Tripps anpreise. Dann weiß man als Kunde wenigstens was einen erwartet und zahlt vermutlich noch gern dafür – ist ja so bestellt.

    Und die Bahn liefert zuverlässig. Auch ich bin kürzlich in genau diesem IC nach Hamburg und zurück gereist, mit zwei Kids im Schlepptau. Stichwort: Abenteuer-Tripp: Um Stress mit den Kids zu vermeiden gibt man gern Geld für eine Reservierung aus. Blöd nur, wenn diese dann nicht angezeigt wird. Und doppelt vergeben wird, weil ein anderer Zug mit diesem zusammengelegt wird. Könnte man per Lautsprecher durchsagen, muss man aber nicht. Denn ohne sind die Tumulte an jedem Bahnhof einfach geiler.

    Stichwort Survival-Tripp: Auf der Hinfahrt wollten die Kids eine Kleinigkeit essen. Ich schnell ins Bordbistro und zwei Flammkuchen bestellt. Pustekuchen, gibt’s nicht. Auf die Frage, was es denn gäbe kam die Antwort, das könne man jetzt nicht alles aufzählen. Also, dann zwei mal Pizza bitte. Ne, gibt’s nicht. So ging es eine zeitlang weiter bis schließlich Currywurst möglich war, allerdings erst später, weil erst die neue Besatzung in Dortmund einsteigen muss. Aaargh!

    Die Rückfahrt war noch besser. Nachdem alles pünktlich und reibungslos geklappt hat, Reservierungen angezeigt wurden und es sogar sehr nette Durchsagen gab, folgte der Blackout. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kurz hinter Bremen kam erst der komplette Zug zum Stehen, dann sogar zum Erliegen. All Systems down. Kein Strom mehr im Triebkopf. Mitten im Wald, mitten im Dunkeln, mitten auf der Strecke. Über eine halbe Stunde Dunkelheit und gespenstische Stille. Mehr Abenteuer auf der Schiene geht nicht. Ich war fast enttäuscht, als es letztlich doch noch im Zug weiter ging und es nicht zu der angekündigten Evakuierung kam. Die sollte über Planken in eine parallel zu parkenden ICE erfolgen, dafür zahlt man doch gern einen Abenteuer-Aufschlag.

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